Abschaffung der Erbschaftssteuer wäre laut Ökonomen fatal – doch Kritiker nennen sie dreisten Raub am Erbe der Kinder

In einer stillen Notariatskanzlei in Utrecht starrt eine etwa fünfzigjährige Frau auf eine Zahl auf dem Bildschirm.

Ihre Mutter ist gerade verstorben. Das Erbe besteht aus einem Reihenhaus, etwas Erspartem, nichts Außergewöhnliches. Doch das Erste, was sie hört, ist nicht „Mein Beileid“, sondern: „Die Erbschaftsteuer wird ungefähr so hoch ausfallen.“

Ihre Schultern sacken ein Stück nach unten. Kein Drama, kein Schrei. Nur dieses typisch niederländische Seufzen: tja. Sie schimpft ein wenig über den „raffgierigen Staat“ und „Mama hat ihr Leben lang schon Steuern darauf bezahlt“.

Draußen radeln Studenten vorbei, unwissend, dass sie sich der Steuerdebatte ihres Lebens nähern. Ökonomen warnen, dass die Abschaffung der Erbschaftsteuer eine soziale Zeitbombe ist. Gleichzeitig nennen Kritiker die Steuer selbst nichts weniger als legalen Raub.

Und irgendwo dazwischen schiebt sich ein neuer politischer Kampf langsam nach vorne.

Warum die Erbschaftsteuer plötzlich so explosiv geworden ist

Im Gespräch mit Menschen über Geld und Tod merkt man, wie schnell sich der Ton ändert. Gehalt, Hypothek, Energierechnung: das geht noch einigermaßen. Aber sag das Wort „Erbschaft“ und es wird still oder hitzig. Die Erbschaftsteuer berührt genau dieses Gefühl von Gerechtigkeit und Familienbande.

Für Ökonomen ist sie vor allem ein Instrument. Eine Bremse gegen Ungleichheit, eine Möglichkeit zu verhindern, dass sich Vermögen stillschweigend in immer kleineren Familienkreisen anhäuft. Für Kinder, die gerade einen Elternteil zu Grabe getragen haben, fühlt es sich währenddessen ganz anders an: wie eine Rechnung auf die Trauer.

Diese Kollision macht die Erbschaftsteuer so explosiv. Es ist keine kalte Tabellenkalkulations-Diskussion. Es ist ein Gespräch darüber, was wir einander gönnen – und was der Staat noch einfordern darf, wenn das Licht in einem Haus gerade erloschen ist.

Nehmen wir Zahlen aus den Niederlanden und Belgien: In den letzten Jahrzehnten wachsen Erbschaften schneller als Einkommen. Vermögen steckt in Immobilien, in Anlageportfolios, in Familienunternehmen. Während Löhne manchmal jahrelang stillstehen, schießen Immobilienpreise in die Höhe. Die Folge: Wer erbt, springt eine Stufe höher. Wer nichts erbt, bleibt hängen.

Wirtschaftsberichte zeigen immer wieder dasselbe Muster. Die größten Vermögen stammen nicht aus „harter Arbeit“, sondern aus dem, was die Eltern besitzen. In Frankreich, Deutschland, den Niederlanden: überall dieselben Grafiken, dieselben gekrümmten Linien. Die Geburts-Lotterie bestimmt immer stärker die Startposition.

Politiker, die die Erbschaftsteuer abschaffen wollen, zeigen gern das Beispiel des „normalen“ Erben: ein Kind, das jahrelang für seinen kranken Elternteil sorgte und nun auf eine kleine Erbschaft Steuern zahlen muss. Das ist real und nachvollziehbar. Nur verschiebt sich so die Aufmerksamkeit weg von den wirklich großen Vermögen, um die sich Ökonomen sorgen.

Ökonomen bezeichnen die Erbschaftsteuer fast einstimmig als eine der „am wenigsten schädlichen“ Steuern. Löhne und Arbeit zu besteuern bremst Investitionen und Motivation. Aber Steuern auf Erbschaften kommen zu einem Zeitpunkt, an dem das Geld buchstäblich vom Himmel fällt, ohne direkte Leistung. Man kann moralisch alles Mögliche davon halten, aber rational gesehen ist es ein ziemlich eleganter Moment zum Abschöpfen.

Wer erbt, bekommt oft ein Haus oder Vermögen, für das derjenige selbst nie gearbeitet hat. Die Eltern haben bereits Steuern gezahlt, ja. Aber sie sind auch diejenigen, die von Infrastruktur, Rechtsstaat, Bildung, Gesundheitswesen profitiert haben. Ökonomen argumentieren: Die Gesellschaft hat mitgeholfen, dieses Vermögen möglich zu machen, also ist es logisch, bei der Übertragung einen Teil zurückzufordern.

Wenn man die Erbschaftsteuer vollständig abschafft, erhalten Kinder reicher Eltern einen immer größeren Vorsprung, über Generationen hinweg. Vermögen bleiben in denselben Familien im Umlauf, wie ein geschlossener Kreis. Und das geht über Neid hinaus: Es untergräbt den Glauben an „wenn du hart arbeitest, schaffst du es“. Denn was ist, wenn das einfach nicht mehr stimmt?

„Reiner Diebstahl“ oder notwendiges Übel? So betrachtet man es nüchtern

Wer durch Kommentare unter Nachrichtenartikeln scrollt, sieht das Wort „Diebstahl“ alle paar Zeilen auftauchen. Viele Leser empfinden die Erbschaftsteuer als doppelte Zahlung. Erst ein Leben lang Steuern, dann noch einmal, wenn man tot ist. Rational kann man argumentieren, dass es streng genommen nicht dasselbe ist, emotional fühlt es sich aber so an.

Eine Möglichkeit, nüchtern nachzudenken: Mach es kleiner. Stell dir vor, du schenkst deinem Kind ein teures Fahrrad und der Stadtteilverein kommt an die Tür für eine „Fahrradsteuer“. So erleben es viele Menschen. Ungerecht, aufdringlich, fast unhöflich in einem verletzlichen Moment.

Diese Wahrnehmung zu ignorieren ist dumm. Wer die Unterstützung für die Erbschaftsteuer erhalten will, muss anerkennen, dass Trauer und Steuern eine giftige Kombination sind. Nicht alles ist eine Excel-Tabelle.

Es gibt Länder, in denen diese giftige Kombination schon seit Jahren zu heftigen Debatten führt. In Belgien heißt die Erbschaftsteuer „Erbfolgerecht“, ein Wort, das sich anhört, als würde man für Erfolg bestraft. In den Niederlanden spricht man von „Einkünften aus Nachlass“, was technischer klingt, aber nicht weniger sensibel ist.

Wir alle haben schon einmal diese Familiengeschichten gehört, die beginnen mit: „Nach dem Tod von Opa fing der Streit an.“ Ein Bruder, der findet, dass er mehr Recht hat, weil er in der Nähe wohnte. Eine Schwester, die jahrelang Pflege leistete und sich verkannt fühlt. Obendrauf kommt dann noch ein blauer Umschlag.

Politische Parteien, die für die Abschaffung der Erbschaftsteuer werben, haken geschickt bei diesem Gefühl ein. Sie sprechen von „Tränensteuer“ und „raffgierigem Fiskus am Sarg“. Der Rahmen ist kraftvoll und schwer wegzupolieren, auch wenn Zahlen zeigen, dass die Mehrheit der Menschen entweder wenig Erbschaftsteuer zahlt oder gar nichts. Denn viele kleine Erbschaften fallen weit innerhalb der Freibeträge.

Wer die Debatte besser verstehen will, sollte auf zwei Dinge schauen: die Freibeträge und die Steuersätze für große Erbschaften. Freibeträge bestimmen, ob die „normale“ Erbschaft betroffen ist. Steuersätze bestimmen, wie schwer wirklich große Vermögen belastet werden. Dort verbirgt sich der Kern des Konflikts.

Eine praktische Denkübung für alle, die sich über die Erbschaftsteuer ärgern: Mach im Kopf zwei Stapel. Auf den einen Stapel legst du die Erbschaft einer alleinstehenden Mutter mit einer Wohnung in einem Vorort. Auf den anderen Stapel legst du das Familienvermögen eines Immobilienmagnaten mit Dutzenden von Objekten. Findest du, dass diese beiden exakt gleich behandelt werden sollten?

Oder schau auf den Zeitpunkt. Viele Menschen, mit denen ich sprach, sagten: „Hätte man diese Steuer doch einfach früher oder anders geregelt.“ Die Konfrontation kommt jetzt mit einem Schlag, an einem schlechten Tag, bei einem schweren Gespräch. Denn ja, man kann Dinge im Voraus planen, aber seien wir ehrlich: Das macht wirklich niemand jeden Tag.

„Wir reden über die Erbschaftsteuer, als ginge es nur um Zahlen“, sagt ein Vermögensplaner aus Rotterdam. „Aber an meinem Schreibtisch sitzt fast immer jemand mit Tränen in den Augen. Das echte Gespräch dreht sich um Liebe, Schuldgefühle und Eifersucht. Die Steuer ist oft nur die Lunte im Pulverfass.“

Um durch das moralische Minenfeld zu gehen, hilft es, ein paar Fragen durchzugehen:

  • Willst du, dass Herkunft weniger schwer wiegt als Talent und Einsatz?
  • Findest du, dass große Vermögen einen Teil an die Gesellschaft zurückgeben sollten?
  • Darf der Staat gerade Trauerphasen in Ruhe lassen, auch wenn das Ungleichheit fördert?
  • Sollen kleine Erbschaften völlig frei sein und große gerade schwerer besteuert werden?
  • Und schließlich: Was würdest du selbst für gerecht halten, wenn du nichts erben würdest?

Wie wir wirklich fairer mit Erbschaften umgehen können

Die Erbschaftsteuer fühlt sich oft Alles-oder-Nichts an: abschaffen oder behalten. Dabei gibt es zwischen diesen Extremen viel konkretere Lösungen. Ein bekannter ökonomischer „Trick“ ist es, vor allem hohe, konzentrierte Erbschaften schwerer zu besteuern und den Rest weitgehend in Ruhe zu lassen.

Stell dir ein System vor, bei dem Kinder die ersten paar hunderttausend Euro lebenslang steuerfrei erben dürfen, verteilt über all ihre Erbschaften. Alles darüber wird progressiv besteuert. Das macht die kleine Erbschaft eines Reihenhauses praktisch unangreifbar. Aber wer Millionen aus mehreren Quellen erbt, trägt mehr ab.

Darüber hinaus könnte ein Staat viel besser kommunizieren. Weniger juristisch, menschlicher, mit Aufklärung Jahre vor Erbschaften. Nicht erst an dem Tag, an dem man gerade die Beerdigung organisiert hat.

Viele Fehler und Frustrationen rund um Erbschaften entstehen nicht durch bösen Willen, sondern durch Aufschieben und Scham. Menschen schieben Gespräche über Geld und Tod vor sich her, manchmal bis es buchstäblich zu spät ist. Die Unfähigkeit, über Nachlass zu sprechen, wird später in Wut auf den Fiskus übersetzt.

Wer früh mit einfachen Absprachen beginnt, nimmt einen Teil des Stachels heraus. Zum Beispiel, indem man in einer Familie offen teilt, was es ungefähr gibt, was die Wünsche sind und wie man es für fair hält. Keine Protokolle, kein PowerPoint, einfach ein ehrliches Gespräch am Küchentisch.

Wir alle haben schon diesen Moment erlebt, wo ein Familienessen sich verändert, sobald über Geld gesprochen wird. Genau deshalb vermeiden wir es oft. Aber jedes Jahr, in dem das Thema liegenbleibt, steigt die Chance auf Ärger und teure Überraschungen für die Erben. Frieden in der Familie ist auch eine Form von Erbe.

„Niederländer denken oft, dass ein Testament etwas für Reiche ist“, sagt eine Notarin. „In Wirklichkeit sind es gerade bei gewöhnlichen Familien klare Absprachen, die den meisten Streit verhindern.“

Konkrete Ansatzpunkte, die bei Experten häufig vorkommen:

  • Sprich mindestens einmal bewusst über Nachlass innerhalb der Familie, auch wenn es „eh nichts gibt“.
  • Lass eine einfache Berechnung möglicher Erbschaftsteuern machen, damit Beträge nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommen.
  • Prüfe kritisch, ob Schenkungen zu Lebzeiten sinnvoll sind, ohne sich selbst finanziell verwundbar zu machen.
  • Überlege einen Fairness-Check: Was würde dieser Plan für das Kind bedeuten, das am wenigsten hat?
  • Denk daran, dass steuerliche Optimierung niemals wichtiger werden darf als gegenseitige Beziehungen.

Die eigentliche Frage: Wem gehört Vermögen eigentlich?

Hinter allen Diskussionen über die Abschaffung der Erbschaftsteuer verbirgt sich eine unbequeme, aber faszinierende Frage. Wem gehört Vermögen eigentlich, moralisch gesehen? Ist es ein Privatbesitz, der nach dem Tod genauso unantastbar bleibt wie zu Lebzeiten? Oder verändert sich etwas, sobald der Eigentümer nicht mehr da ist?

Wer die Erbschaftsteuer eine Katastrophe nennt, weist auf wirtschaftliche Folgen hin: zunehmende Ungleichheit, Abbruch der Idee eines „gleichen Starts“, wachsendes Misstrauen zwischen „Habenden“ und „Nicht-Habenden“. Wer die Erbschaftsteuer reinen Diebstahl nennt, weist auf eine andere Art von Schaden hin: das Gefühl, dass der Staat Familienrechte untergräbt und bis ins Wohnzimmer eindringt.

Vielleicht ist das der Grund, warum diese Debatte so hart ankommt. Es geht um Geld, aber auch um Identität: Elternteil, Kind, Bürger, Erbe. Um Liebe in Testamentsform. Um Vertrauen in den Staat. Um die Frage, ob wir einander das Glück missgönnen oder vielmehr hoffen, dass niemand allein durch Herkunft gewinnen kann.

In den kommenden Jahren wird diese Spannung nicht geringer werden. Vermögen, das jetzt in Häusern und Anlagen steckt, wird Schritt für Schritt an eine neue Generation weitergegeben. Politiker stehen mit Plänen bereit: von vollständiger Abschaffung bis hin zu kräftiger Erhöhung der Erbschaftsteuer auf die höchsten Stufen.

Wo auch immer man in dieser Diskussion steht, eines ist klar: nichts sagen, nichts planen, nichts beim Thema fühlen wollen, ist selbst auch eine Entscheidung. Vielleicht sogar die gefährlichste. Denn dann entscheidet am Ende nicht die Familie, sondern das System. Und dann wird eine Erbschaft schnell kein letzter Liebesbrief mehr, sondern eine Quelle von Streit, Unverständnis und blauen Umschlägen.

Kernpunkt Detail Interesse für den Leser
Erbschaftsteuer bremst Ungleichheit Ökonomen sehen sie als relativ effiziente Steuer, besonders auf große Vermögen Hilft zu verstehen, warum Abschaffung laut Experten riskant ist
Emotionale Belastung bei Trauer Für Erben fühlt sich Steuer auf Erbschaft wie „doppelt zahlen“ und Eingriff in Trauer an Wiedererkennen eigener Frustrationen und Spannungen rund um Nachlass
Raum für gerechteres System Höhere Freibeträge für kleine Erbschaften, schwerere Lasten für große Vermögen Bietet konkrete Anhaltspunkte für eine differenzierte Meinung

Häufig gestellte Fragen:

  • Ist die Erbschaftsteuer wirklich nötig, wenn es schon so viele andere Steuern gibt? Viele Ökonomen finden ja, weil die Erbschaftsteuer auf Vermögen abzielt, das für den Erben „vom Himmel fällt“, und so hilft, Ungleichheit zu mildern, ohne Arbeit zusätzlich zu belasten.
  • Zahlen gewöhnliche Familien auch viel Erbschaftsteuer? In den meisten Fällen hält sich das durch Freibeträge in Grenzen; bei relativ kleinen Erbschaften innerhalb der Familie bleiben Beträge oft begrenzt oder sogar bei null.
  • Warum fühlt sich die Erbschaftsteuer für so viele Menschen wie Diebstahl an? Weil sie mit Trauer zusammenfällt und weil Menschen es als nochmalige Besteuerung von Geld erleben, auf das zu Lebzeiten schon gezahlt wurde, auch wenn es juristisch anders liegt.
  • Würde die Abschaffung der Erbschaftsteuer mir persönlich etwas bringen? Das hängt vom Umfang der Erbschaft ab; große Vermögen profitieren stark, bei kleineren Nachlässen ist der Gewinn manchmal begrenzt, während die gesellschaftlichen Kosten steigen können.
  • Was kann ich selbst tun, um Ärger rund um die Erbschaftsteuer zu begrenzen? Sprich rechtzeitig innerhalb der Familie, lass dich notfalls kurz von einem Notar oder Planer beraten und lege die wichtigsten Wünsche fest, damit Erben nicht alles im Wahn der Trauer ausarbeiten müssen.